Friederike Stein

Freie Autorin, Lektorin und Übersetzerin.

Leseecke: Leseproben: Essays

Grimm, der vergessene Märchensammler

Grimm — vergessen?! Unmöglich! Jeder kennt doch die »Kinder- und Hausmärchen« der „Gebrüder“! Jacob und Wilhelm meine ich jedoch nicht, auch nicht ihre — schon unbekannteren — Brüder Ferdinand oder Ludwig Emil. Sondern ich meine den badischen Märchen-, Volkslied- und Sagensammler Albert Ludwig Grimm, der schon 1808, also vier Jahre vor seinen hessischen Kollegen, seine »Kindermährchen« herausgab. Darin: „Schneewittchen“, als Drama, mit dem vermutlich ersten gedruckten Vorkommen dieses Namens, aber auch „Hans Dudeldee“, eine Version vom „Fischer un siner Fru“.

Nun war ein Märchenbuch in jener Zeit gar nichts so Besonderes. Volksschwänke und -anekdoten waren schon im 16. Jahrhundert, Märchen und Sagen ab dem 17. Jh. gesammelt, ver­arbeitet und auch selbst erdichtet worden. Ab dem 18. Jh. setzte dann ein regelrechter Folklore-Boom ein: Perrault, Praetorius, d'Aulnoy, L'Héritier de Villandon, Musäus, Macpherson, Naubert, Tieck, Brentano, A. & B. v. Arnim, Büsching, Auerbacher, Uhland, Karadzic, Schwab, Bechstein, Hauff, v. Pocci, Erk, Ey, Müllenhoff, Gebrüder Zingerle sind nur wenige von vielen, die vom 17. bis ins 19. Jh. genannt werden müßten.

Die Geschichten dienten zunächst vor allem der Unterhaltung samt moralisch-sittlicher „Erbauung“, ganz gleich, ob in höfischen Kreisen oder in der Spinnstube, im „Rollwagen“ auf Reisen oder in der Kirchenpredigt. Daneben wurde aber auch des reinen Wissens und der Welt(er)kenntnis wegen gesammelt, was zu sammeln war.

Mit Aufklärung, Erstarken des Bürgertums und Zunahme demokratischer Bewegungen ab dem 18. Jh. fand auch ‚das Volk‘ immer mehr Beachtung. Bildung und Erziehung sollten jedem Menschen zuteil werden, seine Fähigkeiten bestmöglich entwickeln und ihn zu einem frucht­bringenden Mitglied der Gesellschaft machen. Umgekehrt stieg damit auch alles ‚Volksgut‘ im Wert. Vor allem die der rationalistischen Aufklärung entgegensteuernde Romantik wandte sich – soweit sie sich nicht in reinem Geniekult verlor — der „Heimat“, dem „Unverfälschten“ und „höheren Wahrheiten“ zu, setzte gegen die klassizistische Antike die heimatlich-nordischen Götter und keltische Mythologie, oder zumindest das, was sie dafür hielt oder halten wollte.

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Das Essay erschien im Magazin Neues aus Anderwelt Nr. 34 (1/2011). Schauen Sie zum Beispiel bei WorldCat, URL: <www.worldcat.org>, ob eine Bücherei in Ihrer Nähe den Band besitzt. [Mehr Details.]

Zitierung:

„Grimm, der vergessene Märchensammler“ / von Friederike Stein,
erstmals publiziert in: Neues aus Anderwelt Nr. 34 (1/2011),
online auf der Internet Homepage von F. Stein, Stand 24.11.2013,
URL: <http://www.friederike-stein.de/leseproben/grimm_vergess.html>

Die Autorin

Friederike Stein

Freie Autorin, Lektorin und Übersetzerin.

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