Friederike Stein

Freie Autorin, Lektorin und Übersetzerin.

Leseecke: Leseproben: Kurzprosa

Stets zu Diensten

Als ich Frau Lutz kennenlernte, wohnte sie in Einheit D-02. Dort versorgen sich die alten Leute alle noch selbst, nur die schwereren Arbeiten nehmen ihnen Putz-, Einkaufs- und Kochroboter ab. Ich lieferte, installierte und erklärte die Geräte, in diesem Fall einen serv.BOT-I.

„Führen Sie ihn herum“, erklärte ich, „sprechen Sie mit ihm, er muss Ihre Stimme kennen­lernen.“

Frau Lutz ließ sich von mir den Lieferschein reichen und warf einen Blick auf die Gebrauchs­anleitung.

„Hat er auch einen Namen?“

Ich deutete auf die Typenbezeichnung. „Das ist ein Serv-Bot…“

„…-one, ja. Ich meine, einen eigenen. Wenn ich mit ihm sprechen soll, muss er auch einen Namen haben, nicht wahr?“ Aufmerksam musterte sie die Maschine, zupfte einen Ver­packungs­rest vom ‚BOT‘ und sagte: „Tobi. Ich nenne ihn Tobi.“ Sie schaute in die BotCam und sagte langsam und deutlich: „Gu-ten Tag, To-bi.“

„Guten Tag, Frau Lutz“, antwortete das Gerät, „möchten Sie eine Tasse Tee?“

„Earl Grey, bitte. Heiß.“

Dann zeigte sie dem Bot, wo sie Kanne und Tee aufbewahrte.

Vier Tage später rief sie mich an und fragte, wie sie Tobi dazu bringen könne, das Richtige vom Marktcenter zu holen. Schritt für Schritt begann ich ihr das Handbuch­kapitel ‚Einkaufs­service‘ vorzutragen, aber sie unterbrach mich: „Das habe ich alles so gemacht. Aber er holt immer Sojamilch statt die normale, und gestern kam er mit einer Packung Inkontinenz­windeln an.“ Immerhin lachte sie darüber. „Sowas brauche ich noch nicht!“

Schließlich musste ich vorbeikommen und stellte fest, dass der Speicher des Bots nicht sauber gelöscht worden war, ein etwas peinliches Versehen. Die Kunden wussten zwar, dass sie Second-Hand-Geräte bekamen, aber eigentlich sollte nichts mehr an deren Vorbesitzer erinnern.

Ich war noch dabei, Frau Lutz' Einladung zu Tee und Keksen abzuwehren — wir Botmins müssten uns beamen, um alle Termine einhalten zu können —, da fing plötzlich auf dem Sofa neben einem großen lila Stoffbären etwas, das ich für eine Sitzstütze gehalten hatte, an, sich zu bewegen. Gepolsterte Ärmchen bogen sich wie kupierte Tentakel auf der Suche nach Futter, dazu sagte eine warme Frauenstimme: „Ich hab dich lieb, Mama. Ich hab dich lieb.“

[...]

Publiziert im Magazin c't, Ausgabe 2/2013. Das Magazin ist beim Heise-Verlag noch erhältlich. Die Story wird dort auch separat als E-Text verkauft:
URL: <https://www.heise.de/artikel-archiv/ct/2013/02/186_Stets-zu-Diensten>.
Oder schauen Sie zum Beispiel bei WorldCat, URL: <www.worldcat.org>, ob eine Bücherei in Ihrer Nähe diese Ausgabe der c't besitzt. [Mehr Details.]

Zitierung:

„Stets zu Diensten“ / von Friederike Stein, erstmals publiziert in: c't, 2/2013,
online auf der Internet Homepage von F. Stein, Stand 24.11.2013,
URL: <http://www.friederike-stein.de/leseproben/stets_zu_dienst.html>

Die Autorin

Friederike Stein

Freie Autorin, Lektorin und Übersetzerin.

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