Friederike Stein

Freie Autorin, Lektorin und Übersetzerin.

Leseecke: Leseproben: Kurzprosa

Wo Bäume wachsen

Sie war zum Hinlaufen nah und doch unerreichbar. Der tödliche Strom setzte nie aus, weder der, der sich rund um die Insel herumwälzte, noch jener im Zaun, der das Wohngebiet davon abgrenzte. Selbst nachts hielten die Leitsysteme alles im Fluss.

Das Eiland war bucklig, kreisrund und klein. Nichts, was Melinda als Haus bezeichnete, hätte darauf Platz gehabt. Trotzdem gingen Gerüchte um, dass dort etwas — oder jemand — lebte.

In dem Hügel, sagten die einen, da ist eigentlich eine Beobachtungszentrale.

Nein, nein, sagten andere, da sind Zeichen drauf, für Außerirdische. Damit die wissen, wo sie landen sollen, wenn sie hierherkommen.

Das ist die Insel vom Wanderer, sagte Rosita, die länger als die anderen im Wohnblock lebte und als ein bisschen verrückt galt. Wanderer, so nannte sie einen kauzigen Alten, der gelegentlich zu Fuß durch das Wohnareal lief, zur Insel hinüberstarrte und wieder verschwand.

Dabei war gar nichts Besonderes an dem Fleckchen Erde. An den Rändern lief es flach aus und endete an einem Kragen aus dunklem Schaumbeton. Allenfalls sein Bewuchs war unge­wöhnlich, Pflanzen, Gestrüpp, wie es so wild sonst nirgends wuchs, samt einem Strauch, ganz unsymmetrisch an einer Flanke des Hügels.

Vielleicht hat es an den anderen Seiten auch so Sträucher gegeben und sie sind einge­gangen, sagte Flo, Melindas Freund.

Komische Pflanzung, mit Sträuchern an den Seiten eines Hügels, dachte Melinda, sagte aber: Ja, vielleicht.

Sträucher? Nee, früher sind da keine Sträucher gewesen, sagte Josef, der schon so alt war, dass er sein Haar grau werden ließ. Das ist auch kein Strauch, sondern ein junger Baum. Eine Esche vielleicht oder eine Walnuss. Die hat sich wahrscheinlich selbst ausgesät.

Die jungen Leute lachten dann immer, Wie soll das denn gehen? Blumen wachsen vielleicht von selbst, aber doch nicht Sträucher oder gar ein Baum.

Die Blumen sind ganz sicher verwildert, dachte Melinda. Noch nie hatte sie eine städtische Maschine auf der Insel gesehen, die goss, schnitt oder pflanzte. Die wäre auch so wenig heil dort drüben angelangt wie sie selbst. Nein, berichtigte sie sich, dafür gab es ausfahrbare Brücken und Schwebeplattformen. Es gab ja noch andere Inseln wie diese, instand gehalten und sauber bepflanzt, jede Saison in neuen Mustern und Farben, ausgeführt nach einem Künstlerentwurf. Die Insel vor ihrem Wohnblock war wohl einfach vergessen worden.

Mit der Telefunktion ihres Sichtschirms konnte sie den Hügel mit seinen wilden Blumen heranzoomen, noch lieber benutzte sie jedoch das Fernglas ihres Großvaters, das mit Glaslinsen arbeitete, ohne Farb-, Licht- und 3-D-Verstärker. An manchen Tagen schaute sie sogar einfach so hinüber, mit bloßen Augen, das Visier hochgeklappt, natürlich nur, wenn die Sonne nicht schien. Dann war sie immer erst einmal enttäuscht, wie blass das Grün, Gelb, Weiß und Rosa wirkte, wie flach die Blüten und das spitzblättrige Gestrüpp, das Josef Gras nannte, das aber ganz anders aussah als die Rasenmatten zwischen den Wohnblöcken oder die Ziergräser in den Rabatten. Bis sich ihre Augen an das unbewaffnete Sehen gewöhnt hatten und sie Farben entdeckte, für die sie beim besten Willen keine Worte fand, wenn sie davon erzählte.

Du kannst mit Air View draufschauen, sagte Susan, die Biotechnik studierte. [...]

Publiziert in der Anthologie Planet Kassel, 2012. Die Anthologie ist im Buchhandel und beim Nordhessischen Autorenpreis erhältlich:
URL: <www.nordhessischer-autorenpreis.de>.
Oder schauen Sie zum Beispiel bei WorldCat, URL: <www.worldcat.org>, ob eine Bücherei in Ihrer Nähe den Band besitzt. [Mehr Details.]

Zitierung:

„Wo Bäume wachsen“ / von Friederike Stein, erstmals publiziert in: Planet Kassel, 2012,
online auf der Internet Homepage von F. Stein, Stand 24.11.2013,
URL: <http://www.friederike-stein.de/leseproben/wo_baeume_wa.html>

Die Autorin

Friederike Stein

Freie Autorin, Lektorin und Übersetzerin.

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